Wohnnpsychologie


Interview mit Karin Meier, hausinfo

Was versteht man unter dem Begriff "Wohnpsychologie"?


Béatrice Ruef: Man unterscheidet zwischen zwei Richtungen. Die eine Richtung untersucht auf der Grundlage von Soziologie und Psychologie, wie gebaut werden sollte, damit sich Menschen wohl fühlen. Das geht von der Siedlungsgestaltung über die Wegführung von Velowegen bis hin zur Dicke der Vorhänge. Ich konzentriere mich auf die individuelle Wohnpsychologie, die das Ziel hat, neu zu bauende oder bestehende Wohnungen so zu gestalten, dass sie die Menschen in den verschiedenen Lebenssituationen unterstützt. Beispielsweise sollte das Kinderzimmer bei kleinen Kindern nahe bei den Eltern sein, bei grösseren Kindern hingegen näher bei der Wohnungstür, damit sie die Wohnung einfacher verlassen können.


Ist Wohnpsychologie das westliche Äquivalent von Feng Shui?


Das kann man so nicht sagen. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel Erfahrungen mit der Wirkung von Farbe, doch der Mensch im Osten ist sehr viel kollektiver ausgerichtet als wir Individualisten.


Wie wird man Wohnpsychologin?


Für individuelle Wohnpsychologie gibt es keine Ausbildung. Ich habe Psychologie und Kunstgeschichte studiert und mich zudem immer sehr für Architektur interessiert. Nachdem ich 10 Jahre eine psychologische Praxis hatte, habe ich mit der Wohnpsychologie nun beide Interessen verbinden können. An der ETH gibt es ein Nachdiplomstudium “Wohnen“, in Deutschland gibt es Lehrgänge in Umwelt- und Architekturpsychologie.

Womit beschäftigen Sie sich hauptsächlich bei Ihrer Arbeit?


Ich optimiere bestehende Einrichtungen, helfe beim Neueinrichten von Wohnungen und Häusern, erstelle Konzepte für die Einrichtung und die Farbgestaltung für Firmen wie für Privathaushalte. Dabei orientiere ich mich an vielen Regeln, die sich aus Wahrnehmungspsychologie und Verhaltenspsychologie ableiten und die man auch bei Feng Shui findet. Der Mensch sitzt beispielsweise gerne so, dass er die Aus- oder Eingänge im Blickfeld hat. Wenn ich eine Wohngruppe stelle, achte ich deshalb darauf, dass nicht ein Sessel mit dem Rücken zur Eingangstür schaut.
Häufig geht es bei meiner Tätigkeit auch darum zu entrümpeln: Braucht es diesen Gegenstand noch? Wofür steht er? Jeder Gegenstand, den wir haben, hat eine Geschichte und ist ein Symbol für etwas Grösseres. Je mehr Gegenstände wir besitzen, desto mehr Geschichten tragen wir mit uns herum. Wenn wir uns im Leben entwickeln wollen, ist es wichtig, Dinge loszulassen, und ich rate, sorgfältig zu prüfen, was einen unterstützt, und was unnötiger Ballast ist. Bei dieser Unterscheidung z.B. biete ich Beratung an.


Wie unterstützen Sie jemanden beim Entrümpeln?


Ich stelle zuerst fest, welche Bedeutung ein Stück hat. Hat ein Gegenstand eine stark emotionale Bedeutung, schaue ich mit der Person, welcher Platz für diese Geschichte angemessen ist, so, dass auch neue Erfahrungen Raum haben. Einrichten und Entrümpeln ist auch psychologische Arbeit. Häufig gebe ich den Leuten nur einen Anstoss, weil sie nicht wissen, wo anfangen, und danach erledigen sie den Rest selbst.


Was machen Sie mit einem Messie?


Der Drang zu horten ist als psychische Störung erkannt. Hier hat es keinen Sinn, die Wohnung aufzuräumen, weil das Problem wo anders liegt. Man muss erst schauen, weshalb sich so viel angehäuft hat. Wenn Sie einem Messie einfach die Sachen entfernen würden, würden Sie ihm einen Schutz entziehen, den er offenbar braucht. Mit einer Aufräum- und Entrümpelungsberatung ist dem Messie nicht gedient. Wenn er sein Thema angehen möchte, sucht er einen psychologisch geschulten Therapeuten auf.


Richten Paare und Singles ihre Wohnung anders ein?


Das ist ein spannender Gedanke, den ich so bisher nicht verfolgt habe. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass dies tatsächlich der Fall ist: Paare müssen bei der Einrichtung viele Kompromisse eingehen, während sich Singles voll ausleben können.


Was symbolisiert die Einrichtung?


Man spricht von der Wohnung als Bühne, welche der Rolle, die man im Leben spielt, entspricht. Ändert sich etwas im Leben, kann man häufig parallel eine Veränderung bei der Einrichtung beobachten. Ein neues Bühnenbild kommt dazu. Deutlich ist dies bei markanten Änderungen im Leben, wie der Geburt eines Kindes, dem Einzug eines Partners oder einer Partnerin in die lange allein bewohnte Wohnung, beim Auszug der Kinder, beim Verlust eines Partners oder einer Partnerin und auch beim Entscheid, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, weil man älter wird. Jedes Mal ändert auch der innere Lebensentwurf, und aussen wird dies in der neuen Einrichtung sichtbar.


Welche Bedeutung messen Sie der Raumstruktur zu?


Nach einem Umzug bietet eine neue Raumstruktur (Grundriss, Höhe, Proportionen) Anstoss für eine neue Entwicklung. Kleine Räume mit entsprechend nahen Wänden erzeugen zum Beispiel ein Gefühl von Enge. Die Frage ist, wie jemand mit dieser Enge umgeht. Leonardo da Vinci z.B. schrieb, Künstler müssten kleine Räume haben, so werde die Fantasie angeregt und die Konzentration gefördert. Ein grosser Raum kann jemanden überfordern, weil er wie ein zu grosses Gefäss ist. Da hat man z.B. das Gefühl, man sei dem, was da ist, nicht gewachsen. Es gibt ein Gefühl der Leere, was aber nichts darüber aussagt, was dies für den einzelnen Menschen zur Folge hat. Ein hoher Raum gibt Weite über dem Kopf und, symbolisch, Platz für die geistige Welt, für Gedanken, für spirituelle Inhalte. Das kennt man vom Aufenthalt in Kirchen. Wenn ich jemanden berate in Bezug auf für ihn günstige Räume, versuche ich mit dem Kunden im Gespräch herauszufinden, was er zur Ergänzung der vorhandenen Eigenschaften brauchen kann: Ist es mehr Erdverbundenheit und damit eine Wohnung im Parterre? Möchte er Raum für Visionen und damit einen Ausguck in einem oberen Stockwerk?
Räume mit spitzen und stumpfen Winkeln sind für spezielle Erlebnisse geeignet, weil sie zu unruhig sind, als dass man sich dauernd dort aufhalten möchte. Museen, Bahnhöfe, Eventhallen, Restaurants, ganz allgemein Orte, an denen besondere Anlässe stattfinden oder solche, die einem Stadtteil eine besondere Prägung verleihen, wo Leute kommen und gehen, fahren gut mit einer innovativen, im wahrsten Sinne des Wortes "schrägen“ Architektur.


Was sind die drei wichtigsten Dinge, die man beim Einrichten beachten sollte?


Der erste Punkt ist die Bewegungsfreiheit. Man sollte sich ohne Hindernisse durch die ganze Wohnung bewegen können. Verbindungstüren sollten nie blockiert sein, zum Beispiel durch ein Sofa. Am besten läuft und tanzt man einmal durch die Wohnung und findet so heraus, wo man sich gerne aufhält, wo man hängen bleibt, wo man noch Platz schaffen kann, wo man ausruhen möchte. (Kleine Kinder lässt man mit dem Duvet im unmöblierten Zimmer ihren Schlafplatz finden. Wie Katzen spüren sie gut, wo sie schlafen möchten. Da würde ich dann auch das Bett hinstellen.)
Zweitens muss man gutes Licht haben. Damit meine ich auch das Kunstlicht. Wichtig ist es, in jedem Raum verschieden gestaltete Lichtplätze zu haben - ein allgemeines Licht, das einfach hell macht, und verschiedene Leuchtkörper, die Atmosphäre verbreiten, Licht für Helligkeit und Licht für Gemütlichkeit. Damit lässt sich die Stimmung des Raumes je nach Situation anpassen.
Der dritte Punkt, die höhere Kunst: Nur das in eine Wohnung nehmen, was einem wirklich gefällt - selbst bei Küchenutensilien und anderen Gebrauchsgegenständen. Alles andere weglassen - auch Geschenke.


Wie wichtig ist die Symbolik von Bildern?


Ich achte zuerst auf die allgemeine Botschaft von Bildern, die ich aufhänge. Wichtiger ist jedoch, was sie mir persönlich bedeuten. Je nach Geschichte, die man mitbringt, reagiert man sehr unterschiedlich auf ein Bild. So können Kruzifixbilder mit dem leidenden Jesus sehr beruhigend wirken für Menschen, denen sie Schutz bedeuten. Ganz anders werden sie wahrgenommen von Menschen, die den Bedeutungshintergrund dieser Darstellung nicht kennen. Ich frage danach, was ein Bild dem Besitzer bedeutet, und ich weise ihn darauf hin, wie sein Bild auch noch gelesen werden kann.

Danke für das Gespräch.


Quelle: hausinfo, www.hausinfo.ch